Geschichte und Wirtschaft

Ende des 15. Jahrhunderts begannen Bauern auf Fluren und in Wäldern Heilkräuter und Arzneipflanzen zu sammeln und Handel damit zu treiben. Von Bedeutung für die Volksheilkunde waren u.a. Bärwurz, Liebstöckel, Angelika, Baldrian und Rhabarber. Aus den ätherischen Ölen der Wurzeln mixten sie heilsame Tinkturen, Essenzen und Pillen. Nicht zuletzt brannten sie Schnaps. Das Laborantenwesen bildete sich heraus. Später wurden Kräuter feldmäßig angebaut, die Angelika-Pflanze sogar bis 1989. Die Wurzeln wurden in mehrere europäische Länder und nach Übersee exportiert. Mit der Wende blieben die Bockauer Angelika-Bauern auf ihren Wurzeln sitzen. Eine lange Tradition drohte zu verwelken. Seither bauen viele Bockauer die Pflanzen in ihren Gärten an und werden nicht müde, die wertvollen Inhaltsstoffe der Angelika-Wurzel aufzuzählen und sie für die Gesundheit zu nutzen.

Angelockt vom "großen Berggeschrey" des Erzgebirges im 16. Jahrhundert (Abbau von Silber, Zinn, Kobalt, weißer Erde und kiesigem Erz) fanden zahlreiche Bergleute aus dem Harz hier eine neue Heimat. Bockau bekam den Status eines Bergfleckens, was vergleichbar war mit dem Status einer Bergstadt, nur war Bockau eben keine Stadt. Fachleute und Akademiker siedelten sich an. 1750 führte Gottlieb Lorenz die Vitriolölbrennerei in Bockau ein. Aus den abgebauten kiesigen Erzen, wie Pyrit, die Schwefelsalz (Vitriol) enthalten, wurden durch wochenlanges Erhitzen und "Kochen" in Steingutgefäßen konzentrierte Schwefelsäure, auch Vitriolöl genannt, gewonnen. Diese wurde zu medizinischen Zwecken eingesetzt und war wichtiger Ausgangsstoff für anorganische und organische Chemikalien. Um 1760 gab es im Ort schon 7 Vitriolhütten. 1812 waren 24 Vitriolölbrennereien in Betrieb. Wichtige Nebenerwerbsquellen der Bauern waren der Holzeinschlag, die Köhlerei, die Harzweide und die Flößerei.

Auch Kobalt-Erz wurde der Ausgangsstoff für einen neuen Industriezweig. Dem aus Franken stammenden Peter Weidkammer gelang es, 1520 daraus Farbe herzustellen. Doch erst ca. 100 Jahre später gestattete der Sächsische Kurfürst Johann Georg I. die Gründung eigener "Farbmühlen". Erasmus Schindler bekam 1649 die Genehmigung für den Bau eines der fünf großen erzgebirgischen Blaufarbenwerke. Die erzeugte blaue Kobaltfarbe verwendete man zum Färben von Glas und Emaille, für Keramikglasur und später zum Bemalen von Porzellan. Für Sachsens Wirtschaft war die Farbe ein wichtiger Ausfuhrartikel. Als im Jahre 1875 die Eisenbahnlinie Aue-Adorf gebaut wurde, gelang es dem Werk, den für Bockau vorgesehenen Bahnhof in seine unmittelbare Nähe zu bekommen, wodurch die Transportbedingungen bedeutend verbessert werden konnten. Durch den Besuch von König Albert von Sachsen am 7. Juli 1880 wurde der gute Ruf des Werkes aufgewertet. Die Blütezeit des Bergbaus erstreckte sich bis in das 19. Jahrhundert.

Der Dreißigjährige Krieg forderte auch in Bockau seine Opfer. 1632 wurde Bockau von Holk'schen Truppen geplündert. 1633 kamen von 500 Einwohnern 108 durch die Pest um. Die Schweden brachten viel Elend über das Gebirge, allein 1640 wurden 6 Bockauer von ihnen ermordet.

Das Jahr 1678 war ein wichtiges Jahr für Bockau, denn Bockau wurde selbständige Kirchgemeinde. Die heutige Barockkirche wurde jedoch schon am 6. November 1637 geweiht. 1747 wurde Magister George Körner Pfarrer in Bockau. Er war ein wahrer Hirte seiner Gemeinde, ein sehr sozial handelnder Mensch, Chronist und Sprachwissenschaftler sowie der Begründer der "Bockauer jährlichen Nachrichten". Das Wirken von Magister George Körner lebt weiter im Verein "Magister George Körner Gesellschaft e.V." im "Körner Haus", zugleich Deutsch-Tschechisches Begegnungszentrum.

Im 19. Jahrhundert entstanden in Bockau neue Gewerbe, während das Laborantenwesen durch Einfluss von Ärzten und Apothekern fast zum Erliegen kam. Körbe werden aus Fichtenspan gefertigt, eine Weiterführung der Erfahrungen der Schachtelmacher. Handschuhnähen und die Einführung der Metallverarbeitung im Stanz- und Emaillierwerk brachten weiter Beschäftigung und Verdienst. Es wurden die ersten Vereine, wie der Sportverein, gegr. 1869, die Schützengesellschaft, gegr. 1871, der Geflügelzüchterverein, gegr. 1872, der Erzgebirgszweigverein, gegr. 1888 und nicht zu vergessen die Freiwillige Feuerwehr, gegr. 1867, ins Leben gerufen. Arbeiter arbeiteten nun auch in der Umgebung von Bockau, so in Aue, Schwarzenberg und Lauter. So organisierten sich die Parteien und Gewerkschaften. Viele Opfer forderte der Erste und Zweite Weltkrieg. Ruhender Pol und Hoffnungsträger in dieser bewegten Zeit war immer die Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde. 1886 / 1887 wurde die heutige Grundschule erbaut. Unter der Regie des Arbeiter-, Turn- und Sportvereines entstanden 1929 / 30 das Freibad und der Sportplatz. 1950 erfolgt der Zusammenschluss dreier kleiner Likörfabriken zur heutigern "Erzgebirgischen Destillerie und Liqueurmanufaktur GmbH Bockau". 1964 war die Grundsteinlegung für die heutige Mittelschule.

Schon um 1900 zählte Bockau zu beliebten "Sommerfrische" der sächsischen Stadtbewohner. Erholungssuchende aus Leipzig, Zwickau und anderswo reisten bequem mit der Eisenbahn an. Fremdenzimmer und Gasthäuser waren in Bockau und Umgebung ausreichend vorhanden. Diese Entwicklung setzte sich in den Nachkriegsjahren fort. 1965 wurde Bockau "Staatlich anerkannter Erholungsort". Auf diesen Titel legen die Bockauer noch heute großen Wert. Es entstanden Betriebsferienheime und der örtliche Feriendienst bot den Urlaubern im 14-tägigen Wechsel ein abwechslungsreiches Programm während des Ferienaufenthaltes.

Infolge des Zweiten Weltkrieges, als viele Menschen darüber nachzudenken begannen, dass es eine Alternative zu Kriegen und Völkerhass geben muss, entstand der Grundgedanke von freundschaftlichen Partnerbeziehungen zwischen Städten eines Landes oder unterschiedlicher Staaten. Im Jahre 1957 wurde die Weltföderation der Partnerstädte gegründet. So entstand auch in der Gemeinde Bockau der Wunsch nach einer partnerschaftlichen Beziehung zur damaligen BRD. Durch die verwandtschaftliche Bande des Bockauer Tischlermeisters Werner Teubner mit der Familie des Herriedener Bürgermeisters Werner Herzog wurden Ende der 80iger Jahre erste Kontakte geknüpft. Am 3. Oktober 1990 wurde die Partnerschaftsurkunde unterzeichnet. Zu diesem Zeitpunkt war Herrieden schon partnerschaftlich mit der österreichischen Stadt Melk verbunden. Dies war der Grundstein für die Städtepartnerschaft mit der Donaustadt am Eingang der malerischen Wachau.

Das Vereinsleben war in den 40 Jahren DDR fast zum Erliegen gekommen. Es lebte erst mit der politischen Wende in den 90iger Jahren wieder auf. Bis dahin gab es lediglich Interessengemeinschaften, insbesondere auf sportlichem Gebiet. Ab 1990 wurden ehemalige Vereine wieder belebt und neue kamen hinzu.

Heute gestalten die Vereine mit ihren Veranstaltungen das vielfältige aktive Leben des Ortes mit. Zur Tradition geworden sind dabei der jährlich stattfindende Buchberglauf im Februar, der jährlich durchgeführte Angelika-Cross-Lauf am 3. Oktober, das jährlich stattfindenden Wurzelfest mit der Wahl der Wurzelkönigin am 3. Wochenende im August und die Bockauer Kirmes am 1. Sonntag im November. Alle Feste erfreuen sich großer Beliebtheit und ziehen viele Besucher an.

In den letzten Jahren wurden intensive Anstrengungen unternommen, den Gewerbetreibenden und Handwerksbetrieben neue Standorte zur Erweiterung zu bieten, um damit die Wirtschaftsstruktur im Ort zu erhalten und zu verbessern. Im Zuge der europäischen Initiative für ländlichen Raum, ist es das Anliegen der Gemeinde, in naher Zukunft Investoren zu finden und so aus der ca. 8,5 Hektar großen Fläche der ehemaligen Papierfabrik, ein Industrie- und Gewerbegebiet entstehen zu lassen. Um Flächenbedarf auf der grünen Wiese zu vermeiden, ist es wichtig, bereits vorhandene industrielle Altstandorte zu sanieren, sowie für die Neuansiedlung von Gewerben und Dienstleistungen zu nutzen. Dies ist bedeutsam für die Weiterentwicklung des Naturparks Erzgebirge / Vogtland und kann auch zur Entschärfung der Gesamtproblematik der ökonomischen und sozialen Probleme beitragen.