Technisches Denkmal "Vitriolölhütte"

Vitriolölbrennerei, ein bergmännischer Nebenerwerb

Bergbau war bis ins 19. Jahrhundert der bestimmende Wirtschaftszweig im Erzgebirge. Aus diesem Wirtschaftszweig entwickelten sich verschiedene Sparten der Weiterverarbeitung der Erze, unmittelbar oder in der Nähe der Fundgruben: da waren die Erzhämmer und Eisenwerke in Pöhla, Johanngeorgenstadt und Frohnau, die Schmelzhütten in Auerhammer, Morgenröthe, Blauenthal und Antonsthal sowie die Blaufarbenwerke in Niederpfannenstiel, Schlema, Schindlerswerk und Jugel und der Kupferhammerin in Grünthal. Im Westerzgebirge entstand ein weiteres Bergbauproduktverschiedenes Gewerk, die Vitriolölbrennerei.

Das Herstellen von konzentrierter Schwefelsäure, auch "rauchende Schwefelsäure" bezeichnet, wurde hauptsächlich im Gebiet des Amtes Schwarzenberg getätigt. Ausgangsstoff für dieses Vitriolöl war Vitriol, ein Schwefelsalz, dass durch Auslaugen kiesiger Erze entstand. Dieses Vitriol wurde im medizinischen Bereich als Heilmittel angewendet, unter anderem auch als Brechmittel. Die Bockauer medizinischen Laboranten erzeugten es in kleinen Mengen für ihre Tinkturen und Wässerchen. Größere Mengen wurden in sogenannten Schwefel- und Vitriolhütten produziert. Das bekannteste dieser Schwefelwerke war in Geyer.

Kiesige Erze wurden ausgelaugt (z.B. Pyrit, im Volksmund auch Katzengoldgenannt), durch Eindampfen der Lauge erzeugte man Vitriol. Diese Flüssigkeit wurde nun in einem mehrere Tage ablaufenden Prozess zur Schwefelsäure gebrannt.

Das Bockau als Hauptort der Vitriolölbrennerei angesehen wird, hängt wohl mit dem dort ansässigen Laborantenwesen zusammen, denn sie hatten grundlegende chemische Kenntnisse und einige von ihnen hatten akademische Ausbildungen als Apotheker und Chemiker. Rund um Bockau, das den Status eines Bergfleckens hatte, gab es eine Vielzahl von Bergwerken in denen kiesige Erze abgebaut wurden. Vor allem das Gebiet an der Habichtsleithe, zwischen Bockau und Aue barg diese Erze, das Schaubergwerk "Friede-Gottes-Stollen" und Hennings-Fundgrube waren Hauptabbauorte.

Im schon erwähnten Geyer, Bockau, Lauter, Beierfeld, Johanngeorgenstadt und Breitenbrunn gab es Vitriolölbrennereien bzw. Vitriolölhütten. Johann Gottlieb Lorenz führte 1750 in Bockau das Vitriolölbrennen ein. und schon 1760 gab es in Bockau 7 Hütten, darunter auch die rekonstruierte Hütte am Auer Weg. 1824 zählte man 24 Betriebe. Brot und Arbeit erhielten durch die Vitriolölbrennerei: Bergleute und Holzknechte, Fuhrleute und Brenner, Ziegler, Maurer, Töpfer, Zimmerleute, Schmiede, Seiler, Wagner, Tischler, Korbmacher, Böttger usw.

Als um 1830 die Brennerei zum Erliegen kam, etwa zur gleichen Zeit wie der Rückgang des Bergbaus, waren die Folgen für die Bevölkerung verheerend. Neue Gewerbe wie Korbmachen und Handschuhnähen brachten eine gewisse Linderung, aber erst die Gründung der Auer Industriebetriebe ermöglichte eine Besserung der Lebensverhältnisse. Hauptursache des Rückgangs dieser manufakturartigen Produktionsweise war ohne Zweifel das Einsetzen der industriellen Revolution und der damit steigende Bedarf an Säuren. Die kleinen erzgebirgischen Betriebe konnten den dadurch einsetzenden Preisverfall nicht ausgleichen. Holz wurde knapp und teuer. Die Erze mussten von weither bezogen werden, da die einheimischen Erzlager erschöpft waren - die erhöhten Kosten waren so nicht mehr zu begleichen. Abgeworbene und ausgewanderte Brenner schufen in Böhmen und der Schweiz Betriebe, die mehr und billiger produzierten - auch diese Märkte brachen weg. Damit ging unserer Region eine wichtige Erwerbsquelle verloren.

Fachleute haben errechnet (Dr. Martin, Dresden), dass in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts jährlich zwischen 20.000 und 30.000 Taler Einnahmen nach Sachsen flossen. Soweit bekannt, ist von all dieser Geschäftigkeit nur die "Kies'sche Hütte" als Bauwerk erhalten geblieben. Dieses Bauwerk war in einem sehr desolaten Zustand. Herr Dr. Wagenbret, Freiberg, ermunterte die Bockauer diese Anlage zu rekonstruieren. Man ging dieses Wagnis ein und heute präsentiert sich der Bau mit seinem für die Region typischen Trockenmauerwerk dem Besucher und Fachmann. Auch das Innere soll so werden wie vor ca. 200 Jahren.

Bei Interesse sind Besichtigungstermine bei der Magister George Körner Gesellschaft zu vereinbaren.