Bockauer Laborantenführer




Das Bockauer Arzneiwesen

steht mit dem Bergbau in gewissem Zusammenhang. Erstens dadurch, dass Vitriol bergmännisch gewonnen und in Vitriolöfen zu Öl verarbeitet wurde. Die Vitriolbrennerei wurde 1750 eingeführt; 1762 waren 7 Öfen in Gang. 1775 arbeiteten 15 Vitriolhütten und eine Calconierhütte. Eigens angestellte Laboranten führten die chemischen Prozesse aus. 1814 gab es noch 13 Hütten.

Zweitens gab der Rückgang des Bergbaus Arbeitskräfte frei., die sich dem für Bockau besonders geeigneten Arzneiwesen zuwandten; denn die Gegend war reich an Kräutern und Wurzeln. Um 1500 sollen sie von Kräuterweiblein gesammelt und auch schon in Gärten und Feldern gepflegt worden sein. Die Angelika, deren Stauden im Sommer über Äcker und Feldstreifen ihre Kronen breiten, ist Kernstück Bockauer Laborantentums. Mit kleinen Hacken holte man Bärwurz ein. Liebstöckl, Enzian, Eberwurz, Arnika wurden gesammelt, Rhabarber, Alant, Baldrian, Kamille Melisse fleißig angebaut. Jedes geeignete Fleckchen nutzten die Bockauer. Andere Rohstoffe für die Arzneibereitung lieferte der Wald: Holz und Holzkohle für Destillationsöfen, Holz auch für Schachtelmacher, die für Salben und Schnupftabak Schachteln herstellen. Im Winter fertigten etwa 40 Leute solche Schachteln. Glasflaschen lieferten Weiters Glashütte und Carlsfeld, Bienenwachs zu deren Verschluss heimische Imker und Pech altansässige Pecher. Außer heimischen wurden auch viele fremde Rohstoffe verarbeitet. Bockauer Händler verfügten über reiche Kenntnisse in der Arzneikunst. Manche hatten Apothekerexamen abgelegt, besaßen Privilegien von Staaten und Städten, zogen zur Leipziger Messe und auf viele andere Messen oder ließen durch kleine Händler ihre Arzneimittel für Vieh und Mensch auf Märkten und Wanderhandel umsetzen. 1772 waren 28, 1782 20 Laboratorien in Bockau vorhanden. Sie fertigten Pillen, Salben, Elixiere, Pflaster, Tropfen, Pulver, besonderes Bergöl. Die ältesten Laboranten (vor 1600) handelten mit Spezereien über Land, reisten mit hölzernen und blechernen Waren erzgebirgischer Herkunft.

Körner bemerkt: "Wenn diese Leute reisen, bestellen andere ihre Felder, pachten ihre Güter, machen Fuhren, sammeln Kräuter, graben Wurzeln, stoßen und mahlen."

Damit gibt er ein gutes Bild von der vielseitigen Tätigkeit in Bockau. Manche Laborantenfamilie lässt sich durch viele Geschlechter verfolgen. Der Sohn lernte vom Vater und gab seine geheim gehaltenen Rezepte wieder seinen Söhnen weiter. Sie unterhielten in größeren Städten Warenlager, woher die aus Nachbarorten wie Sosa in Scharen ausziehenden kleinen Händler ihre Reisetaschen auffüllen konnten. Hamburg, Lübeck, Schweden, Polen, Böhmen, Tirol, die Schweiz, auch Schwaben und das Elsaß waren Reiseziele der Arzneihändler. Selbst nach Ungarn und in die Türkei drangen etliche vor. Viele starben unterwegs, ein paar z.B. in Schlesien. Manche erwarben auswärts Bürgerrechte. Was für Kenntnisse von Ländern und Menschen, was für Geldsorten und fremde Erzeugnisse strömten dadurch dem Bergwalddorf zu. Zum Beispiel brachten 1762 Arzneihändler ausländische Weine mit. Allerdings lag Bockau verkehrsmäßig günstig an der großen, 17. bis 19. Jahrhundert von Reisenden, Fuhrwerken, Postkutschen vielbenutzten Straße aus Nordeuropa über Leipzig nach dem berühmten Karlsfeld. All diese Reisenden kamen hier durch. Ihre Wagen rumpelten, ihre Pferde trampelten über die hölzerne Bockauer Muldenbrücke. 1767 zählte eine Liste unter 120 erwerbstätigen Männern Bockaus 60 auf, die Arzneiwaren herstellten oder damit handelten. Viele von Ihnen hatten fremde Sprachen gelernt, ließen ihre Reklamezettel und Gebrauchsanweisungen französisch, italienisch, polnisch, tschechisch, lateinisch drucken. Als Bockauer Erzeugnisse gingen um 1785 außer Medikamenten, Vitriolöl, Zinn, Eisen, Arsenikalien (vom Bergbau), auch Spritzen, wollene Tuche, Zeugstoffe, geschmiedete und verzinnte Löffel in die Welt. Ärzte und Apotheker sahen in den Laboranten und Hausierern unlautere Konkurrenten. Auf ihre Veranlassung erschwerte die Regierung Herstellung und Handel von Arzneiwaren, z.B. durch Prüfung und Überwachung seitens des Kreisarztes. 1767 verbot sie überhaupt den Wanderhandel, milderte aber das Mandat vier Jahre später, um nicht Bockau und andere Arzneiorte des Erzgebirges zu ruinieren. Hausierer wurden scharf beaufsichtigt, Waren oft beschlagnahmt, besonders Geheimmittel. Im Laufe des 19. Jahrhunderts schaltete man so Laboranten und Arzneihändler planmäßig aus. Bockau zählte 1837 nur noch 10 Laboranten. Bis 1860 starben sie aus, da neue Konzessionen nicht bewilligt wurden. 1848 sah man vor den Häusern Bockaus, wo vorher noch Vitriol gebrannt wurde, rote Schlackehaufen von deren Rückständen. Geblieben ist von Bockaus einst blühendem Wirtschaftszweig nur noch der Anbau von Angelika und die berühmte Likörfabrikation (Angelika, Magenbitter , Kräuterlikör, Stockdumm = Dr. Stoughtons Magenbitter) . Der Name "Wurzelbucke" und der Weg zur Talstraße, der so genannte "Wurzelsteig" sind noch volkstümlich. Nach 1989 brach der gesamte Anbau und Handel von Angelika zusammen.

Schlechtes Management und geänderte Anbaumethoden verschlechterten die Qualität so stark, dass kein Abnehmer mehr die Bockauer Wurzel kaufte. Der Bestand der Angelika war gefährdet, doch es gab und gibt Bockauer, die den Samen sammeln und den Bestand der Pflanze sichern.

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