Laborantendorf des Erzgebirges

Bockaus Ruhm wurde durch seine Arzneihändler begründet. Diese reisten, ausgestattet mit zahlreichen Handelgerechtigkeiten und Privilegien, durch ganz Europa, u.a. nach Leipzig, Nürnberg, Paris, Lübeck und Wien. So haben die Herstellung und der Vertrieb von Arzneien, Tinkturen und Kräuterlikören in der "Wurzelbucke" eine jahrhundertealte Tradition. Das Sammeln und der feldmäßige Anbau von Heilkräutern, der Bergbau und die Herstellung von Vitriolöl waren wichtige Erwerbsquellen. Daneben erlangte das Flechten von Spankörben, das Klöppeln und die Handschuhnäherei eine hohe Blüte. Im technischen Denkmal "Vitriolölhütte" wird mit einer musealen Ausstellung die Traditionen lebendig erhalten.

Auch heute noch tragen ein "Erzgebirgischer Kräuterlikör" und der nach alter Rezeptur hergestellte "Bockauer Schnupftabak" des Apothekers Räth zur Gesundheit und zum Wohlbefinden bei. Das "Erste Spirituosenmuseum Sachsens" bietet neben dem Verkosten von Likören auch interessante Einblicke in die Likörherstellung mit historischen Zeitzeugen des Laborantenwesens. Bockaus heutiger Reichtum sind die ausgedehnten Wälder, mit gut markierten Wanderwegen, welche so manches Geheimnis entdecken lassen.

Das Bockauer Arzneiwesen

Das Bockauer Arzneiwesen steht mit dem Bergbau in gewissem Zusammenhang. Erstens dadurch, dass Vitriol bergmännisch gewonnen und in Vitriolöfen zu Öl verarbeitet wurde. Die Vitriolbrennerei wurde 1750 eingeführt, 1762 waren 7 Öfen in Gang. 1775 arbeiteten 15 Vitriolhütten und eine Calconierhütte. Eigens angestellte Laboranten führten die chemischen Prozesse aus. 1814 gab es noch 13 Hütten.

Zweitens gab der Rückgang des Bergbaus Arbeitskräfte frei, die sich dem für Bockau besonders geeigneten Arzneiwesen zuwandten, denn die Gegend war reich an Kräutern und Wurzeln. Um 1500 sollen sie von Kräuterweiblein gesammelt und auch schon in Gärten und Feldern gepflegt worden sein. Die Angelika, deren Stauden im Sommer über Äcker und Feldstreifen ihre Kronen breiten, ist Kernstück des Bockauer Laborantentums. Mit kleinen Hacken holte man Bärwurz ein. Liebstöckl, Enzian, Eberwurz, Arnika wurden gesammelt, Rhabarber, Alant, Baldrian, Kamille Melisse fleißig angebaut. Jedes geeignete Fleckchen nutzten die Bockauer. Andere Rohstoffe für die Arzneibereitung lieferte der Wald: Holz und Holzkohle für Destillationsöfen, Holz auch für Schachtelmacher, die für Salben und Schnupftabak Schachteln herstellen. Im Winter fertigten etwa 40 Leute solche Schachteln. Glasflaschen lieferten Weiters Glashütte und Carlsfeld, Bienenwachs zu deren Verschluss heimische Imker und Pech altansässige Pecher. Außer heimischen wurden auch viele fremde Rohstoffe verarbeitet. Bockauer Händler verfügten über reiche Kenntnisse in der Arzneikunst. Manche hatten Apothekerexamen abgelegt, besaßen Privilegien von Staaten und Städten, zogen zur Leipziger Messe und auf viele andere Messen oder ließen durch kleine Händler ihre Arzneimittel für Vieh und Mensch auf Märkten und Wanderhandel umsetzen. 1772 waren 28, 1782 20 Laboratorien in Bockau vorhanden. Sie fertigten Pillen, Salben, Elixiere, Pflaster, Tropfen, Pulver, besonderes Bergöl. Die ältesten Laboranten, vor 1600, handelten mit Spezereien über Land, reisten mit hölzernen und blechernen Waren erzgebirgischer Herkunft.

Körner bemerkt: "Wenn diese Leute reisen, bestellen andere ihre Felder, pachten ihre Güter, machen Fuhren, sammeln Kräuter, graben Wurzeln, stoßen und mahlen." Damit gibt er ein gutes Bild von der vielseitigen Tätigkeit in Bockau. Manche Laborantenfamilie lässt sich durch viele Geschlechter verfolgen. Der Sohn lernte vom Vater und gab seine geheim gehaltenen Rezepte wieder seinen Söhnen weiter. Sie unterhielten in größeren Städten Warenlager, woher die aus Nachbarorten wie Sosa in Scharen ausziehenden kleinen Händler ihre Reisetaschen auffüllen konnten. Hamburg, Lübeck, Schweden, Polen, Böhmen, Tirol, die Schweiz, auch Schwaben und das Elsaß waren Reiseziele der Arzneihändler. Selbst nach Ungarn und in die Türkei drangen etliche vor. Viele starben unterwegs, ein paar z.B. in Schlesien. Manche erwarben auswärts Bürgerrechte. Was für Kenntnisse von Ländern und Menschen, was für Geldsorten und fremde Erzeugnisse strömten dadurch dem Bergwalddorf zu, z.B. brachten 1762 Arzneihändler ausländische Weine mit. Allerdings lag Bockau verkehrsmäßig günstig an der großen, 17. bis 19. Jahrhundert von Reisenden, Fuhrwerken, Postkutschen vielbenutzten Straße aus Nordeuropa über Leipzig nach dem berühmten Karlsfeld. All diese Reisenden kamen hier durch. Ihre Wagen rumpelten, ihre Pferde trampelten über die hölzerne Bockauer Muldenbrücke. 1767 zählte eine Liste unter 120 erwerbstätigen Männern Bockaus 60 auf, die Arzneiwaren herstellten oder damit handelten. Viele von Ihnen hatten fremde Sprachen gelernt, ließen ihre Reklamezettel und Gebrauchsanweisungen französisch, italienisch, polnisch, tschechisch, lateinisch drucken. Als Bockauer Erzeugnisse gingen um 1785 außer Medikamenten, Vitriolöl, Zinn, Eisen, Arsenikalien (vom Bergbau), auch Spritzen, wollene Tuche, Zeugstoffe, geschmiedete und verzinnte Löffel in die Welt. Ärzte und Apotheker sahen in den Laboranten und Hausierern unlautere Konkurrenten. Auf ihre Veranlassung erschwerte die Regierung Herstellung und Handel von Arzneiwaren, z.B. durch Prüfung und Überwachung seitens des Kreisarztes. 1767 verbot sie überhaupt den Wanderhandel, milderte aber das Mandat vier Jahre später, um nicht Bockau und andere Arzneiorte des Erzgebirges zu ruinieren. Hausierer wurden scharf beaufsichtigt, Waren oft beschlagnahmt, besonders Geheimmittel. Im Laufe des 19. Jahrhunderts schaltete man so Laboranten und Arzneihändler planmäßig aus. Bockau zählte 1837 nur noch 10 Laboranten. Bis 1860 starben sie aus, da neue Konzessionen nicht bewilligt wurden. 1848 sah man vor den Häusern Bockaus, wo vorher noch Vitriol gebrannt wurde, rote Schlackehaufen von deren Rückständen. Geblieben ist von Bockaus einst blühendem Wirtschaftszweig nur noch der Anbau von Angelika und die berühmte Likörfabrikation (Angelika, Magenbitter, Kräuterlikör, Stockdumm = Dr. Stoughtons Magenbitter). Der Name "Wurzelbucke" und der Weg zur Talstraße, der so genannte "Wurzelsteig" sind noch volkstümlich. Nach 1989 brach der gesamte Anbau und Handel von Angelika zusammen. Schlechtes Management und geänderte Anbaumethoden verschlechterten die Qualität so stark, dass kein Abnehmer mehr die Bockauer Wurzel kaufte. Der Bestand der Angelika war gefährdet, doch es gab und gibt Bockauer, die den Samen sammeln und den Bestand der Pflanze sichern.

Die Bockauer Angelika

Die Angelikapflanze oder auch Engelwurz genannt (Angelika archangelika) ist volkstümlich auch als Brustwurzel, Heiliggeistwurzel, Luftwurzel oder Zahnwurzel bekannt. Namen, die sie ihrer heilenden Fähigkeit verdankt. Fachmännisch heißt sie aber "Radix Angelicae sativae Engelwurz". Hauptsächlich wächst die Angelikapflanze auf der nördlichen Erdhalbkugel. Im süddeutschen Raum wurde sie in Klöstergärten von Kapuzinermönchen kultiviert. Aus der Wurzel destillierten die Mönche heilende Säfte und später wurde sie Bestandteil von schmackhaften Likören. Hier im Bockauer Umland wuchs die Angelikapflanze am besten, denn auf den Feldern, auf den sie landwirtschaftlich angebaut wurde, sind nach Norden und Westen von Bergen abgedeckt und nach Süden und Osten frei, außerdem ist der Boden sehr mineralhaltig. Die klimatischen Bedingungen und die Bodenverhältnisse sind nahezu ideal. Die Wurzel der Angelika bildete sich hier viel kräftiger aus als anderswo. Im August wird der reife Samen gesammelt und ausgesät. Dieser Samen keimt im Herbst und entwickelt sich langsam zu kleinen Pflänzchen. Schnee und Kälte schaden ihnen nicht, also können sie unbedeckt bis ins Frühjahr stehen bleiben. Im April oder Mai werden die Angelikapflänzchen entnommen und auf vorher vorgerichtete und gedüngte Felder gepflanzt. Aus besonders kräftigen Pflanzen der Angelika werden Samenstöcke gezogen. Im Spätherbst schneidet man das Kraut und die Stengel ab. Die Wurzel wird gelockert und aus der Furche gezogen. Diese Arbeit muss mit Bedacht ausgeführt werden, damit die Wurzelfäden nicht abreißen. Nach einem reinigenden Bad wird die Wurzel geflochten und anschließend getrocknet. Das Trocknen geschieht unter einer Abdeckung an der frischen Luft. Die äußerliche schöne Angelikapflanze besitzt einen sehr durchdringenden, stechenden Geruch, der sich in die Kleider legt. Die Wurzel hat einen aromatischen Geschmack und heilsame Wirkung für jedermann. Schon in alten pharmazeutischen Büchern spielt die Angelikapflanze eine große Rolle. Die gewonnenen Öle der Wurzel haben therapeutische Wirkung. Angelika verbessert die Herztätigkeit und ist wirksam bei Schweiß- und Harnabsonderung. Noch etwas zur eventuellen Verwendung der Stengel. Die Stengel der Pflanze kann man kandieren und sie ergeben damit einen schmackhaften Kuchen- und Tortenbelag.

Der Laborantengarten

Die Pflanzenauswahl für den hiesigen Laborantengarten erfolgte auf der Grundlage einer Liste mit 94 Gewächsen, von der Magister Körner schrieb: "Ich will diese Wurzeln und Kräuter, so uns die Natur, zum Theile, feywillig liefert, andern Theils aber auch diejenigen, so von den hiesigen Innwohnern durch sonderbaren Fleiß gebauet werden, nach alphabetischer Ordnung verzeichnen."

Nicht alle diese Arten können wir im Garten vorstellen. Gründe sind Standortbedingungen, Giftigkeit oder auch nur die Beschaffung. Den interessierten Besucher verweisen wir auf die "Wurzelstube". Dort findet er eine Auflistung der Bockauer Laborantenpflanzen und kann sich über ihren Gebrauch informieren.

Dr. Köhler, Gründer des Erzgebirgsvereins, hat diese Liste in seinem Buch "Zur Geschichte des ehemaligen Arznei-Laborantenwesens im westlichen Erzgebirge" aus dem Jahre 1896 wie folgt bearbeitet: "Während anfangs die verschiedenen benutzten Kräuter und deren Wurzeln nur auf den Fluren, Äckern und in den Wäldern in der Umgebung Bockaus gesammelt wurden, begnügte man sich später nicht mehr damit, sondern zog eine große Auswahl derselben in Gärten und auf Feldern; ja, wo nur dem steinigen Boden der Berghänge ein taugliches Fleckchen Bodens abgewonnen werden konnte, da bepflanzte man dasselbe mit verschiedenen darauf gedeihenden medizinischen Gewächsen, deren Pflege dann mit größter Sorgfalt überwacht wurde."

Dr. Joh. Aug. Ernst Köhler (1829 - 1903)
Gymnasiallehrer in Schneeberg

Aus der großen Vielfalt der Heilplanzen zeigen wir entlang des Weges zwischen Wurzelstube und Laborantengarten einerseits Kräuter, die als Ingredenzien bei der Likörherstellung Verwendung finden und andererseits Arten die als "moderne" Heilplanzen gelten, wie Sonnenhut, Nachtkerze, Kapuzinerkresse und viele andere.